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„Darin siehst du dick aus.“

15. März 2015
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Stellt euch folgendes Szenario vor: ihr bummelt an einem Samstag durch die Innenstadt, geht mal in diesen, mal in jenen Laden. Ihr entdeckt etwas, das euch gefällt und wartet vor der Umkleide auf eine freie Kabine. Da fällt euer Blick auf zwei Mädchen; die eine in der Kabine, die andere davor. Die Freundin tritt heraus, trägt eine Skinny Jeans, ihre Begleiterin mustert sie, legt den Kopf schief und spuckt die Worte danach förmlich aus: „Nee, geht gar nicht – in dem Ding hast du viel zu fette Oberschenkel.“

Ihr denkt jetzt: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr? Gut, stellt euch die oben beschriebene Szene ohne die wartende Freundin vor. Wie sich das Mädchen selbst kritisch im Spiegel betrachtet, sich dreht und wendet. Und am Ende leise murmelt: „Nee, geht gar nicht – zu fette Oberschenkel.“

Es ist ja (leider) nichts Neues, dass wir Frauen uns grundsätzlich nicht schön finden. Morgens tappen wir verstruwwelt aus dem Bett, schauen in den Spiegel und möchten direkt wieder in den Federn versinken. Instagram und Co. zeigen uns, wie wir gefälligst nach einer viel zu kurzen und unruhigen Nacht auszusehen haben: perfekt gestylt, mit einem entspannten Lächeln und dem opulentesten Frühstück vor der Nase, welches sogar die Chefs de Cuisine in Top-Hotels neidisch aus der Wäsche gucken lässt. #iwokeuplikethis – am Arsch, von wegen.

Stattdessen leuchtet auf der Stirn ein fröhlich-frischer Pickel, die Haut war auch schon mal faltenfreier und das Frühstück besteht aus einer ollen Scheibe Toast. Hurra.

Dass wir Frauen uns trotzdem so akzeptieren und vor allem schön finden sollen, wie wir nun mal sind, ist das aktuelle Anliegen von Dove. Seit einigen Tagen ist die neue Kampagne #ichsagja draußen und auch bekannte Blogger-Gesichter wie die von Jessie (Journelles), Anna (Fashionpuppe) und Nike und Sarah (ThisisJaneWayne) nehmen an der Aktion teil: Sag „Ja“ zur eigenen Schönheit.

Auch Lisa van Houtem hat am Dienstag einen wunderbaren Gastartikel bei den Janes verfasst, der dem Schubladendenken über unsere Körperformen den Kampf ansagt. Gefordert wird dieselbe Mode für alle, von Size Zero bis Größe 50. Aber hier geht der Spaß ja erst richtig los.

Denn Hand aufs Herz: wie häufig haben wir selbst Kleidungsstücke seufzend wieder aus der Hand gelegt, weil sie a) uns noch kleiner wirken lassen als wir sind, b) das runde Bäuchlein betonen statt es zu verstecken, c) den Po nicht richtig in Form bringen, d) all die anderen „furchtbaren“ Problemzonen nicht kaschieren. Es scheint, als sei uns vor einiger Zeit still und heimlich eingeimpft worden: Mode muss etwas für dich tun. Sie muss deinen Körper optimal zur Geltung bringen. Und optimal – das ist in unserer Gesellschaft schlank und rank.

Es reicht scheinbar nicht, wenn wir uns mit unseren Zusatzkilos in dem gestreiften Pullover wohl fühlen, wenn „Querstreifen doch dick machen“. Es reicht nicht, wenn wir uns in dem kurzen Rock sexy fühlen, wenn „deine Beine auch schon mal bessere Tage gesehen haben“. Es reicht nicht, wenn wir uns auf flachen Schuhen leicht durch den Alltag bewegen, wenn „High Heels dich viel größer und schlanker wirken lassen“.

Manchmal sind wir selbst es, die diese innere Mode-Zensur vornehmen. Meistens jedoch kommen diese gut gemeinten Ratschläge von außen: von Freundinnen, Bekannten, in Blogger-Kommentaren, von Guido Maria Kretschmer. Ja, ich liebe dich Guido, aber ehrlich Schätzchen: Mode MUSS nicht immer etwas „für uns tun“ im Sinne von Brüste pushen, Endlos-Beine und Knackarsch. Sie muss insofern etwas für uns tun, als dass wir uns in ihr wohlfühlen. Mode ist dafür gemacht, dass wir uns in ihr so ausdrücken können, wie wir uns gerade fühlen. Will ich sexy sein? Ist mir heute nach einem bequemen Look? Hab ich Lust, Neues auszuprobieren? Wenn ich jedes Mal daran denken müsste, wie ich all meine ungeliebten Körperstellen bestmöglich verdecke, wären in Zukunft keine großen Mode-Experimente mehr drin. All Black heißt dann die Devise. Soll ja schlank machen und so.

Meine heißgeliebten Pullover könnte ich demnach verkaufen, denn so eine ordentliche Portion Wolle am Körper, „die trägt ganz schön auf“. Jedes Mal, wenn ich mich selbst dabei ertappe, wie ich meinen eigenen Modegeschmack wieder zensiere, weil er nicht zu meiner Körperform „passt“, möchte ich in Zukunft trotzig aufstampfen. Jetzt erst recht! Denn das ist doch das Schöne an der Mode: dass wir uns selbst immer wieder neu erfinden können.

Kommen wir kurz zurück zu meinem Umkleide-Mädchen vom Anfang: eine geschätzte Größe 38. Sportlich, schlank, hübsch. Sie hat die Hose nicht gekauft.

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6 Comments

  • Reply Silvi'K 15. März 2015 at 22:51

    Oh entschuldige! Es sollte natürlich „Liebe Grüße von Silvi'“ heißen!

  • Reply Silvi'K 15. März 2015 at 22:50

    Ja, leider man hört von lieben Freundinnen oder Verwandten oft was alles nicht passt. Und genau die sind dann ganz überrascht, wenn man sich dann doch über einen neuen Look wagt! Liebe Große

    • Reply NINOSY 16. März 2015 at 17:06

      In diesem Sinne: noch mehr Überraschungen und ungewöhnliche Looks für alle!

  • Reply annaybln 15. März 2015 at 19:02

    WORD!

  • Reply Greenribbonplus 15. März 2015 at 11:28

    Wow, ich bin ganz begeistert von deinem Beitrag. Und ich kann dir nur zustimmen. Wie oft muss ich mir von Freunden und Familie anhören, was alles nicht an meinem Körper geht…Dabei lautet die Devise ALLES GEHT SOLANGE ICH ES SCHÖN FINDE! Danke für diese tollen Worte, die meinen Sonntag etwas aufhellen, wenn sie auch zum denken anregen und uns ab und an, an der Gesellschaft oder an uns selbst verzweifeln lassen. Aufstehen, Krönchen richten und weiter machen!
    Liebe Grüße
    Lena

    • Reply NINOSY 15. März 2015 at 12:14

      Vielen lieben Dank! Richtige Einstellung – wenn es DICH glücklich macht und DU dich wohl fühlst: trag es! Whatever you want, whenever you want, wherever you want. :-)

      Alles Liebe und einen schönen Sonntag
      Nori

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