Fashion Personal

Das neue Modediktat

11. Februar 2016
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Ich liebe Magazine. Frauenzeitschriften, Mode-Magazine, Lifestyle-Ausgaben. Ich verschlinge jede einzelne Seite, lese sogar das Kleingedruckte in den Werbeanzeigen und habe, kaum dass ich das eine Heft aus der Hand gelegt habe, schon die nächste Ausgabe in der Hand. (Wartezeiten beim Arzt sind mir, solange die Magazin-Auswahl im Wartezimmer mein Interesse weckt, deshalb sogar sehr willkommen.) Natürlich habe ich meine Lieblingszeitschriften, schaue in manche Ausgaben öfter als in andere und bin aber trotzdem immer gewillt, neue oder auch altbekannte, aber vergessene Hefte (wieder) zu entdecken. So geschehen mit der JOLIE in den letzten Wochen des vergangenen Jahres. Zu Abizeiten hat mich das Magazin immer mal wieder begleitet, gemeinsam mit der JOY. Kennt frau, mag frau. Zumindest zeitweise, wie in meinem Fall. Irgendwann wurden andere Hefte interessanter (NEON!) und ich sagte den beiden Js Goodbye. Bis eine von ihnen in der Vorweihnachtszeit auf meinem Agenturschreibtisch landete, ich sie in der Mittagspause durchblätterte und bei einem Artikel fast an meinem Sushi erstickt wäre.

Ich blätterte noch einmal vor, noch einmal zurück. Wieder vor, wieder zurück. Nein, es stand da, schwarz auf weiß, ausgeweitet auf insgesamt fünf Seiten und bespickt mit Streetstyle-Bildern sowie den passenden Fashion Pieces: Winter-Looks für jede Größe. Unterteilt in S, M, L und XL. Ich wusste nicht, ob der sich langsam im Mund auflösende Avocado-Maki (ich vergaß vor Schreck, weiterzukauen) oder dieses neu aufgelegte Modediktat dafür verantwortlich war, dass ich meinen Teller angewidert zur Seite schob und alles einen faden Beigeschmack bekam.

You can wear everything you want. Not.

Fake Fur? Gerne, aber nur bei Size Zero! Der zuhauf bewunderte Zwiebellook (a.k.a. Lagenlook) sieht an Frauen „mit Durchschnittsgröße“ großartig aus – alle anderen, die ober- bzw. unterhalb der M liegen, haben scheinbar Pech gehabt. Dafür dürfen sich Mädels mit Konfektionsgröße L freuen, denn der Bademantel-Trend, der die Taille betont, gehört ihnen! Und die Damen, die alles eine Nummer größer brauchen? Fellkapuzen is the solution! Okay, Ironie aus, Spaß beiseite, Ärger wieder an. Ich habe schon ewig nicht mehr so lange und wutschnaubend über einem Artikel gesessen.

Liebe JOLIE-Redaktion, warum? Es mag ja sein, dass ihr es am Ende „gar nicht so gemeint“ habt und eure „Tipps“ eben auch als solche zu verstehen sein sollten: als Hinweise, wie sich Frauen mit unterschiedlichen Konfektionsgrößen optimal kleiden können. Das Problem? Von Können ist nicht die Rede. Ihr sagt uns klar und deutlich, dass Wollweiß „zu Kleidergröße S passt“. Punkt. Ende der Diskussion.

ninosy_kopfsache_ modediktat _S&M

Das Motto eures Artikels – Warm & Anziehend – liest sich, hinsichtlich der offenkundigen Ignoranz der Wünsche der Leserinnen, wie eine lasche, kurz vor Feierabend getextete Line. Schnell, schnell, ab damit in den Druck. Denn anziehend fühle ich mich nicht, wenn ich haargenau darauf achten muss, dass ich mit meiner Kleidergröße L bloß zu Ton-in-Ton-Outfits oder den geknoteten Taillenmänteln (Ich hasse sie. Ehrlich.) greife. Ich fühle mich verkleidet. Das bin nicht ich. Keine Frage, an #allblack Looks kann ich mich niemals sattsehen, doch bin ich nun dazu gezwungen, von Kopf bis Fuß in einer Farbfamilie herumzulaufen? Weil es so „gut kaschiert“? Was ist mit all denen, die sich mit der Zahl auf ihrem eingenähten Größenetikett pudelwohl fühlen und weder kaschieren noch verstecken noch ablenken wollen? Was ist mit denen, die auf kunterbunten Mustermix stehen? Liebe JOLIE, das bedeutet Hausaufgaben.

Seit der Artikel in mein Blickfeld geriet, versuche ich wirklich angestrengt, die Intention dahinter zu verstehen. Sollte es nicht, rein wirtschaftlich betrachtet, eher darum gehen, möglichst viele der vorgestellten Mäntel, Hosen und Co. an die Frau zu bringen? (Schließlich versprechen sich die PR-Agenturen und Unternehmen viel von ihrem Product Placement.) Und nicht darum, die Hälfte der potentiellen Käuferinnen durch ihre Konfektionsgröße von vornherein auszuschließen. Wie seht ihr das? Fühlt ihr euch durch diese Klassifikation bevormundet? Lasst ihr euch vorschreiben, welche Art von Fashion in euren Kleiderschrank wandert? Machen euch solche Artikel wütend? Bleibt ihr dabei gleichgültig?

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Ein Modediktat nach dem nächsten.

Es scheint, die Armada der Frauenzeitschriften habe sich auf ein Lieblingsthema gestürzt. The female body. Kein Magazin mehr weit und breit, was nicht mindestens einen Beitrag zum healthy lifestyle, den besten Tricks für das Kaschieren der Problemzonen oder den neuesten Fitness-Trends bringt. Die liebe Nike hat gerade erst ebenfalls einen grandiosen Artikel zu dem Thema rausgehauen: Geht es den Online-Modemagazinen eigentlich nur noch um Klickzahlen, wenn mit den verführerischsten Headlines für die „20 Kilo in 2 Wochen“-Diät gelockt wird? Wo bleibt die Mode, die ursprünglich die Essenz der Blätter war und Seite über Seite füllen konnte? Oder, anders formuliert: Wann geht es endlich wieder um Kleidungsstücke, die losgelöst von allen gesellschaftlichen Zwängen und selbstauferlegten Optimierungsmaßnahmen auch als solche bewundert werden dürfen? Und nicht um textile Must-haves, die mich davor bewahren sollen, wie ein „Michelin-Männchen“ auszusehen? (Ich mag das Kerlchen!) Wann hören wir auf, ein Modediktat nach dem nächsten mitschreiben zu müssen, deren Dauer wir nicht kennen und deren Grammatik uns Kopfschmerzen bereitet und Selbstzweifel auslösen?

Tu es très jolie. In jeder Konfektionsgröße.

Wer unserem Blog schon länger folgt, der weiß, dass mir das Thema Körpervielfalt und Akzeptanz schon länger am Herzen liegt. Und damit bin ich scheinbar nicht alleine, gehörte der Artikel doch zu einem unserer meistgeklickten hier auf NINOSY. Auch hier habe ich im Juli bereits dafür plädiert: Zieht an, worauf ihr Lust habt. Haltet euch nicht an sogenannte Expertenratschläge und ein Modediktat, welches ihr nicht befolgen wollt. Weil ihr bunter, selbstbewusster, großartiger seid. Wenn JOLIE und Co. euch sagen, zieht keine Miniröcke an, dann greift erst recht zum ultrakurzen Modell – solange ihr euch darin wohlfühlt. Machen wir uns nichts vor: In den meisten Redaktionen der Frauenmagazine sind auch hauptsächlich X-Chromosome überdurchschnittlich hoch vertreten. Warum halten wir uns dann gegenseitig immer wieder den Zerrspiegel vor und machen uns das Leben unnötig schwer? Denn entgegen vieler Vorurteile sind es nicht immer die Männer, die unser Erscheinungsbild maßgeblich bestimmen. Wir legen uns die Steine selbst in den Weg, lästern über die Sitznachbarin in der Bahn und rümpfen die Nase ob des tiefen Ausschnitts unserer Kollegin. Let it be. Better bet on GRLPWR.

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8 Comments

  • Reply Alix Niyonkinzo 15. Februar 2016 at 16:10

    Cute photos of you in the start :-)

    / Alix N,
    @ http://www.acommonobsession.com

    • Reply Nori 19. Februar 2016 at 10:16

      Thank you! :)

  • Reply Tine 12. Februar 2016 at 11:07

    Ich habe während der Abizeit auch immer ganz gerne die Joy und die Jolie gelesen, bin dann aber zu anderen Magazinen gewechselt. Der Content wurde immer schlechter. Gut heute ist die Joy für mich eher ein besseres Jugendmagazin und mehr nicht. Die Jolie hat sich ziemlich positiv entwickelt – zumindest, was ich bis jetzt die letzten Monate so beim Blättern gesehen habe.
    Aber nun zum wirklich wichtigen Teil! Also erstmal verstehe ich deinen Ärger voll und ganz. Denn jeder sollte das Tragen, was sie möchte. Aber wenn ich mir verschiedenste Zeitungen durchsehe, passiert es ständig, dass uns Moderegeln auferlegt werden. Ich trage auch schwarz und braun zusammen :D Und eigentlich ist das ein „absolutes NoGo.“
    Und ich kann mich Cordula anschließen, es spielen immer mehrere Faktoren eine Rolle. Ich denke, es ist auch eine Typfrage, was einem steht und was wieder nicht. Ich sehe mich zum Beispiel nicht in schwarzen Lederjacken, weil ich einfach nicht der richtige Typ dafür bin. Anderen steht es super und das freut mich immer :)
    Ich wünsche dir einen schönen Freitag :)

    Liebe Grüße
    Tine

    http://fairytaleoflife.com/

    • Reply Nori 11. März 2016 at 17:20

      Liebe Tine,
      ich bin von beiden Magazinen aktuell ganz weit entfernt und habe meine Lieblinge gefunden, aber schön, wenn du andere Erfahrungen mit der JOLIE gemacht hast. :)
      Klar, nicht jede ist „der Typ“ für bestimmte Arten von Kleidungsstücken, aber diese Aussage sollte die- bzw. derjenige dann auch nur über sich selbst treffen dürfen. Sobald andere Leute sagen „Trag keine Röhrenjeans, deine Beine eignen sich nicht dafür!“ ist in meinen Augen schon eine Grenze überschritten – guter Rat hin oder her. Und wenn jemand trotzdem Lust auf Röhrenjeans hat, sollten diese auch getragen werden dürfen. Manchmal ist man ja auch modemutig und experimentiert gerne herum. :)
      Alles Liebe!

      PS: Schwarz und Braun geht übrigens super, denn erlaubt ist, was gefällt. I like! :)

  • Reply Nina 12. Februar 2016 at 8:21

    Ja siehst du, Cordula, da ist jetzt der Unterschied zwischen dir und mir. Ich z.B. würde mir nicht anmaßen, zu behaupten, dass jemand aussieht wie ein kleines Matrönchen (Sorry hin oder her) und dann auch noch hinterherschieben, dass das doch keiner will. Sollte das nicht jeder für sich selbst entscheiden? Oder glaubst du Leuten, die sich selbst so ok finden, dann einfach nicht, weil du weißt, dass die sich das eh nur schönreden?

    Natürlich gibt es Tipps und Tricks, die mich größer oder schlanker aussehen lassen. Aber wieso sollte es für mich in irgendeiner Weise erstrebenswert sein, mich optisch einem Ideal anzunähern zu wollen, das mir auch von eben diesen Magazinen vorgegeben wird? Groß und schlank = besser? Das mag für viele gelten, aber eben nicht für alle. :-)

    • Reply Cordula 12. Februar 2016 at 16:35

      Nina, das Matrönchen war nicht böse oder giftig gemeint. Vielleicht hätte ich da den Guido zitieren müssen – es tut nichts für sie? Und ja klar, das ist meine subjektive Meinung (nach der man ja seinen individuellen Geschmack abgrenzt). Ich selbst würde mich auch als Bohnenstengel oder Presswürstchen bezeichnen, wenn ich in hipper Röhrenhose und Tanktop unterwegs wäre.

      Somit meinte „das will doch keiner“ eigentlich, dass man sich solchen Zeitschriften folgend unter Umständen in irgendwelche Klamotten wirft, die vielleicht (vielleicht!) nicht breitentauglich sind. Auch hier natürlich wieder durch die subjektive Brille geguckt.

      Der Mantel war dabei übrigens nur der Aufhänger für das Beispiel und hatte rein gar nichts mit dem „Ideal“ groß und schlank zu tun ;)

      Und: „weil du weißt, dass die sich das eh nur schönreden“ – Nein, denn Geschmäcker sind eben verschieden. Es gibt sicher genug, die meine Klamottenwahl auch nicht absegnen würden und das ist auch völlig ok so :)

      • Reply Nori 11. März 2016 at 17:16

        Liebe Nina, liebe Cordula,

        bitte entschuldigt, ich habe noch gar nicht auf all die Kommentare unter diesem Beitrag geantwortet – dabei war und ist er mir doch so wichtig! Ich denke, wir sollten alle irgendwann so selbstbewusst sein, das zu tragen, worauf wir Lust haben. Und dann ist es ganz egal, ob ein Mantel oder eine Hose etwas „für mich tut“ (Hallo Guido! :) ) im Sinne von „das Beste aus mir herausholt“ – oder ob ich mich in dem Kleidungsstück einfach sauwohl fühle. Ich hab da so eine Vorliebe zu riesigen Oversize-Sweatern, bei denen Guide vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, denn ich bin klein und mit einem nicht ganz niedrigen BMI ausgestattet. Aber ich liebe sie! Selbstverständlich lese ich mir auch gerne mal den einen oder anderen Tipp durch, der „die Beine endlos erscheinen lässt“ und entscheide aber dann für mich, ob das Ganze für mich überhaupt umsetzbar ist oder ob ich dafür erst massig Geld in neue Kleidungsstücke investieren müsste. Ich glaube: Wenn jede_r jede_n machen lässt, dann machen wir alle unsere Sache schon ganz gut. :)
        Alles Liebe!

  • Reply Cordula 11. Februar 2016 at 13:15

    Liebe Nori,

    deinen Aufreger verstehe ich voll und ganz! Ja sicher, es gibt Kleidung, die bestimmte Körperpartien betont oder verschwinden lässt und deswegen vielleicht nicht durch alle Konfektionsgrößen der ideale Griff ist. Aber so pauschalisiert betrachtet machen es sich die Redaktionen natürlich ein bisschen einfach. Neben der Kleidergröße spielt ja auch die Körpergröße eine Rolle und die gesamte Statur. Taillenmäntel würde ich beispielsweise eher großen Frauen zuordnen, weil der Gürtel die Körperlänge optisch unterbricht. Wenn ich dagegen auf das Foto der Magazinseite schaue, sieht die Frau in dem grauen Taillenmantel aus wie (sorry) ein kleines Matrönchen… Das will doch keiner!

    Ich würde solche Artikel eher zur Anregung nehmen, wohin man sich innerhalb seiner geschmacklichen Vorstellung bewegen möchte. Man selbst hat ja eh seinen eigenen Stil, in dem man sich wohl fühlt, und darin sieht man dann ohnehin am besten aus :)

    Liebe Grüße, Cordula

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