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Ein Gedanke zur Welt

24. Juli 2016
ninosy_gedankezurwelt

Am Freitagabend gegen 18 Uhr sitze ich in einem Meeting, während einer kurzen Pause schaut meine Chefin auf ihr Handy, ihre Stirn legt sich in Falten: ,,Eilmeldung – Schüsse in einem Münchner Einkaufszentrum.“ Sie steckt das Handy wieder ein, das Meeting geht weiter und in mir bleibt eine Unruhe zurück. Bevor ich Zeit habe die Nachrichten zu checken ist es 20 Uhr, ich sitze in der U-Bahn, bin auf dem Weg nach Hause. Eine Freundin schreibt: Ihre Cousine, die in München in einem Hotel arbeitet, sitzt dort fest, sie lassen niemanden rein oder raus. Ich gehe im Kopf alle Freunde durch, die in München leben. Auf Facebook fällt mir zum ersten Mal die „Ich bin in Sicherheit“-Funktion auf – meinen Freunden geht es gut.

Und dann ist da… Angst.

Die U-Bahn hält am Hauptbahnhof, zwei Männer steigen ein, sie unterhalten sich auf Arabisch. Wie aus dem Nichts überfällt mich ein mulmiges Gefühl, ich checke ihre Taschen. Zwei ganz normale Typen. Im selben Moment wird mir schlecht. Schlecht vor mir selbst, ich bin entsetzt und rüge mich dafür. Für einen kurzen Moment schlichen sich Misstrauen, Vorurteile und eine Angst in meine Gedanken, die in meinem Leben, in meiner Einstellung zur Welt und zu den Menschen einfach nichts zu suchen hat. Diese Angst vergiftet und schafft Mauern. Diese Angst lasse ich nicht zu!

Zu Hause schalte ich den Fernseher an. Genau wie vor einigen Monaten, als die Attentate in Paris stattfanden, schaue ich die ganz Nacht n-tv und versuche zu begreifen, was dort gerade passiert. Was in unserer Welt gerade passiert. Früher habe ich nie regelmäßig die Nachrichten gelesen, jetzt checke ich sie mehrmals täglich, doch begreifen kann ich sie schon lange nicht mehr.

Ich verstehe die Welt nicht mehr.

Ich begreife nicht, warum zwei junge Männer – der eine in Würzburg, der andere in München – sich dazu entscheiden, Menschenleben auszulöschen.

Ich kann nicht verstehen welche Überzeugung, welcher Hass, welche Wut einen dazu treibt, mit einem Lastwagen durch eine Menschenmenge zu rasen.

Ich verstehe nicht, warum in einem Land mit einem schwarzen Präsidenten so große Ungerechtigkeiten gegenüber der schwarzen Bevölkerung geschehen.

Ich will nicht glauben, dass zwei machthungrige Männer – der eine in der Türkei, der andere auf dem Weg ins Weiße Haus – so viele Anhänger um sich scharen können.

Ich kann das alles nicht begreifen und darum versuche ich, darüber zu sprechen und darüber zu schreiben. Um zu erfahren, wie mein Umfeld darüber denkt, was es fühlt. Das alles beschäftigt mich und sicher auch viele von euch. Wie geht man mit all diesen Nachrichten um? Wie geht IHR damit um? Gibt man sich der Angst hin oder trotzt man ihr? Was kann ich tun?

Und jetzt? Wie geht es weiter?

Für mich steht fest: Wir sollten dieser hinterhältigen Angst keinen Platz in unserem Leben geben, ihr keinen Einfluss zusprechen. Wir sollten zusammenhalten, offen sein und Vorurteilen keine Chance geben. Wir sollten einander zuhören, helfen, Ungerechtigkeiten ansprechen und niemanden ausgrenzen. Ich möchte in einer Gesellschaft, in einem Land, in einem Europa, in einer Welt leben, in der man einander respektiert und keine Unterschiede macht. Mitgefühl ist etwas, womit wir alle geboren werden und nur wir haben die Möglichkeit unsere Welt so zu gestalten, dass auch unsere Kinder in Frieden, Freiheit und ohne Angst leben können.

Ich bin nur einer von Milliarden Menschen, der in diesem Moment lebt. Doch ich habe mich entschlossen keine Angst zu haben, nicht gleichgültig zu sein und für meine Freiheit einzustehen. Denn sie ist das wertvollste, was wir alle gemeinsam haben.

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2 Comments

  • Reply Cristina 25. Juli 2016 at 13:44

    Liebe Nina,

    sehr schön geschrieben!
    Ich denke genau so wie du: ich lasse mich nicht einschüchtern und habe keine Angst vor dem was da kommen mag.
    Ich kann genau wie du nur fragend den Kopf schütteln über das was gerade in der Welt geschieht.
    Und ich bin wütend über all die Menschen, die ihren Senf auf so dumme Weise dazu geben müssen, über die Hetze, die im Internet verbreitet wird und über die Dummheit der Menschen, einem Ideal zu folgen, das so furchtbar ist… :(

    Ausserdem macht es mich traurig, dass auf einmal alle in Aufruhr sind, wobei doch schon immer auf der ganzen Welt so viel Leid geschieht. Nur weil es jetzt näher an uns heran gerückt ist, sind alle auf einmal so besorgt. Über das was in Ländern wie Afrika, Südamerika und Asien über Jahre passiert macht sich kaum einer Gedanken! :(
    Aber wie du schon sagst, man kann nur für sich selbst entscheiden, dass man offen bleibt, Mitgefühl zeigt, sich nicht den engstirnigen Kommentatoren anschliesst und sich eine eigene Meinung bewahrt!

    Liebe Grüsse
    Cristina

    • Reply Nina 25. Juli 2016 at 15:00

      Liebe Cristina,
      danke für deinen Kommentar!
      Was da in den Sozialen Netzwerken gerade abgeht, finde ich auch ziemlich beunruhigend. Hetze, Wut und wüste Beschuldigungen führen zu nichts als noch mehr Gewalt und Angst. Ich habe zum Glück festgestellt, dass viele der gleichen Meinung sind wie wir und sich von den schrecklichen Taten nicht einschüchtern lassen wollen. Was da noch kommen mag, man weiß es nicht, wichtig finde ich aber, dass man zusammenhält und versucht mit friedlichen Mitteln diesen Gewalttaten vorzubeugen.

      Liebe Grüße
      Nina

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