Culture Personal

Arbeitslos und lesbisch – von Vorurteilen und Schubladendenken

7. Dezember 2018

Letztes Jahr im Sommer bin ich zurück nach Hause gezogen, in mein Kinderzimmer. Na ja. Nicht richtig, denn mein Kinderzimmer musste einem neuen Bad mit Badewanne weichen, die, nebenbei bemerkt, keiner außer mir nutzt. Sagen wir also: zurück ins neue Gäste-/Erwachsenenzimmer. Die meisten von euch kennen die Story bereits. Ich wollte eine kleine Auszeit vom Job, von der Stadt und mich in Ruhe neu sortieren. Und wer die Geschichte nicht kennt – hier gibt es alles nachzulesen.

In Hamburg wurde meine Entscheidung, drei Monate den Sommer in der Heimat bei meinen Eltern zu verbringen, mit Beifall aufgenommen. Auf dem Land trat man mir eher mit Skepsis entgegen. Warum jemand seinen festen Job kündigt, seine Wohnung an eine wildfremde Person untervermietet und dann zurück zu seinen Eltern zieht, konnte keiner so recht nachvollziehen. Das wiederum konnte ich nicht nachvollziehen.

Nach einigen Wochen zurück in der Provinz ging ich irgendwann dazu über einfach zu behaupten, ich sei nur im Urlaub. Urlaub war, selbst wenn er drei Monate andauerte, zumindest eine Antwort, mit der sich die meisten zufrieden gaben und die mir mitleidige Blicke ersparte.

Kopfschütteln und Schubladendenken

Eine Ausnahme machte ich allerdings bei einem alten Schulfreund, den ich nach vielen Jahren mal wieder auf einem Zeltfest traf. Ihm erzählte ich ganz selbstverständlich davon, dass ich mir momentan eine Pause nahm und einen neuen Job suchte. Er, 28 Jahre, junger Unternehmer, guckte mich entsetzt an und erwiderte: ,,Also bist du arbeitslos?“ Mit einer Vorahnung, in welche Richtung sich das Gespräch wieder entwickeln würde, rechtfertigte ich mich: „Ja, allerdings auf eigene Kosten und das zeitlich begrenzt. Ich wollte die Zeit nutzen, mir ohne Druck einen neuen Job zu suchen.“ Er schüttelte den Kopf: ,,Und hast du endlich mal ’nen Macker?“ (Jap, dieser Themenwechsel kam abrupt). Gefasst auf diese Frage antwortete ich routiniert mit: ,,Nein, ich bin allein.“ Wieder Kopfschütteln. Dann, nach wenigen Sekunden, in denen er gedanklich meine Aussagen in seine Schubladen verfrachtete, verkündete er mit vorwurfsvollem Gesicht sein Urteil (um das ich selbstverständlich nicht gebeten hatte): „ Also bist du arbeitslos und lesbisch!“

Das war eindeutig keine Frage, sondern eine abfällig gemeinte Beurteilung. Und er ließ keinen Zweifel daran, dass er homosexuelle oder arbeitssuchende Menschen als minderwertig betrachtete. Tja, was entgegnet man so viel Respektlosigkeit (oder Idiotismus)? Ihn aufzuklären hätte eine Diskussion losgetreten, die an den Außenwänden seiner Schubladen abgeprallt wäre, soviel wusste ich schon. Sein Urteil war gefällt, mit all seiner primitiven Härte. Ich beschloss, dass ich nun diejenige war, die mit dem Kopf schütteln durfte.

Ein wenig genervt stellte ich mich an den Tresen und fand mich mit diesem Urteil ab. Da erfreute mich schon der nächste nette Herr ungefragt mit seiner Meinung. Dieses Mal zu meiner Kleiderwahl. Er – mir völlig fremd, blond, das dünne Haar hochgegelt, Augenbrauenpiercing und Skaterschuhe, welche ihrem Zustand nach zu urteilen die Jahrtausendwende miterlebt hatten – musterte mich von oben bis unten und verkündete dann: ,,Deine Hose ist viel zu weit (Anmerkung: Ich trug eine Culotte!), du siehst aus wie aus den 90ern, zieh dir so was an!“ Er deutete auf ein Mädchen neben mir in Röhrenjeans. Sie war perplex, ich war es auch. Mit dem Wissen, dass er die Ironie seiner Aussage offensichtlich nicht erkannte, lachte ich allein.

Vorurteile und Schubladendenken

Willkommen zurück, wir haben dir was zu sagen.

Warum ich euch davon erzähle? Weil ich, was sicher auch schon viele von euch wissen, wieder zurück aufs Land gezogen bin. Na ja, nicht ganz, aber in eine kleine Stadt umgeben von viel Land. Und mir diese unerwünschten Beurteilungen hier so auffällig oft über den Weg laufen, dass ich mich frage: Ist das auf dem Land überall so? Natürlich wurde ich auch in Hamburg mal mit blöden Sprüchen und Vorurteilen konfrontiert, selten aber so direkt und plump.

Nehmen wir z. B. meine Bille, auf die mich in Hamburg nie jemand angesprochen hat. Hier bietet sie Anlass zur Diskussion. Häufig werde ich gebeten sie einmal abzusetzen, damit mein fremdes Gegenüber prüfen könne, ob ich ohne nicht besser aussähe und eine Schublade höher gehöre. Dauerbrenner: natürlich die Sache mit dem Single-Dasein. Bei einigen Frauen löst dies einen beunruhigten und mitleidigen Blick aus und das unnötige Bedürfnis, mich mit einem „Der Richtige kommt schon noch!“ zu trösten. Was mich aber am traurigsten stimmt: Schon allein die Tatsache, eine Frau zu sein, verfrachtet mich hier automatisch in Schubladen, in die ich eindeutig nicht hineingehöre.

Übrigens, und das will ich nicht vergessen zu erwähnen, sind es nicht nur Männer, die mir unverhofft ihre Meinung zu mir um die Ohren hauen. Auch die eine oder andere Frau hat mich schon vorschnell und gnadenlos in ihre untere Schublade katapultiert. Das dies allerdings lautstark in meinem Beisein geschieht und ich mich mit den zum Teil abfälligen Bemerkungen und abstrusen Vorurteilen abfinden muss, ärgert mich am meisten. 10 Jahre in Hamburg haben mich so einige Sitten auf dem Land vergessen lassen. Mir aber auch deutlich gemacht, dass diese verbale Art der Beurteilung und des Schubladendenkens einfach nicht in Ordnung ist.

Humor ist die beste Verteidigung

Wie ich dem entgegen trete? Mit Humor, denn Diskussionen füllen nur weitere Schubladen. Gern genommen ist zum Beispiel auch die Schublade für Feministinnen, die hier häufig mit Begriffen wie „Männerhass“ und „zickig“ befüllt wird und in deren Kategorie ich dann ganz fix einsortiert werde.

Klar, niemand ist unfehlbar. Auch ich denke häufig in Schubladen und fälle vorschnelle Urteile. Das ist menschlich und hilft uns dabei, die Person die vor uns steht einzuschätzen und mit ihm bzw. ihr umzugehen. Was ich in den meisten Fällen allerdings vermeide: mein Gegenüber mit dieser Beurteilung zu konfrontieren. Und das vor allem, wenn diese nicht ganz zu seinen/ihren Gunsten ausfällt. Nennt mich altmodisch, aber ich halte das einfach für höflich und respektvoll. Und auf die Rechtfertigung „Ich bin nur ehrlich!“ kann ich nur sagen: „Nein, du bist nur unhöflich.“ Also liebe Landmenschen (hier sollten sich selbstverständlich nur oben erwähnte Exemplare angesprochen fühlen): Schneidet euch doch ein wenig von der Offenheit einiger Stadtmenschen ab und behaltet, wenn es nicht anders geht, eure Meinung einfach mal für euch.

You Might Also Like

3 Comments

  • Reply Rieke 7. Dezember 2018 at 21:47

    Du hast es sowas von auf den Punkt gebracht. Sehr schön geschrieben!!!
    PS: ich liebe deine Brille an dir 😍😍😍

  • Reply Ina 7. Dezember 2018 at 13:59

    WOW es ist erschreckend wieviele Parallelen ich in diesem Beitrag sehe, wenn ich an Besuche in meinem Heimatdorf denke.
    Noch schlimmer find ich es aber, dass mir das vor meinem Umzug in die Stadt gar nicht so aufgefallen ist. Es war einfach „normal“ dass ich als Frau von anderen laut und munter beurteilt werde.

    Danke für deinen Beitrag!
    Liebe Grüße aus Wien :)
    Ina

  • Reply Anne 7. Dezember 2018 at 10:22

    Was für ein toller Beitrag !
    Mich stört auch dieser Satz, ich bin halt nur Ehrlich…! Nein, das ist einfach unhöflich so wie manche Menschen denken , ihre narzistische Meinung wäre “nur” ehrlich.

  • Leave a Reply

    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.