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Vom Druck, sich im Job selbstverwirklichen zu müssen

2. März 2019

Liebe gefälligst was du tust!

Es scheint das erklärte Ziel meiner Generation zu sein im Beruf ganz und gar aufzugehen und dabei möglichst viel zu schaffen. Immer alles zu geben, immer 110% und das aus vollster Überzeugung und mit Herzblut. Vor allem geht es aber darum, den Freunden, Kollegen oder auf Social Media davon zu erzählen was man alles macht und wie geil das doch ist.

Auch ich habe mich dabei erwischt, wie ich in meinem Job als Art Director und nebenher als Bloggerin Leuten davon erzählt habe, was ich nicht alles leiste und „schaffe“. In der Woche jeden Tag bis 22 Uhr in der Agentur gearbeitet, das Wochenende unbezahlt noch mal drangehängt und zwischendurch nen Blogbeitrag geschrieben – na sichi diggi #workhardplayhard.
Konnte ich davon berichten, hatte ich das Gefühl, richtig was geleistet zu haben. Ich bildete mir was darauf ein, nonstop abzuliefern, feierte mich und meinen Job. Die kleine Stimme in mir, die sagte „Das bringt dir doch überhaupt keinen Spaß, das willst du doch gar nicht!“ überhörte ich gekonnt.

Denn was soll man auch machen, wenn es um einen herum immer weiter, besser, toller, schneller, höher heißt. Wenn sich jeder das Image eines erfolgreichen Karrieremenschen aufbaut und davon schwärmt, wie sehr er/sie den Job liebt. Nebenbei das perfekte Privatleben führt und noch „etwas Eigenes“ hochzieht. Ich wollte nicht diejenige am Mittagstisch sein, die zugibt: „Den Job, den mach ich eigentlich nur, um Geld zu verdienen, um meine überteuerte Wohnung zu bezahlen und an den Wochenenden mache ich bevorzugt einfach gar nichts!“ Diese Einstellung hätte die coole Selfmade-/Werber-/Bloggerblase, in der ich schwebte, platzen lassen und mir vermutlich mitleidige Blicke eingebracht.

Dennoch, die Stimme in mir wurde lauter und irgendwann kaum überhörbar. Ich gestand mir ein, dass die Ziele der Anderen einfach nicht meine waren. Wenn bei den Begriffen Workaholic, Full-Time, Nonstop, Wachstum, Erfolgskurs, Business, Girlboss die Augen der Anderen zu glänzen begannen, stellten sich bei mir die Nackenhaare auf.

 

Selbstverwirklichung vielleicht, Erfolgskurs nein danke!

Mittlerweile hat sich bei mir, wie ihr wisst, beruflich und privat vieles verändert. Ich arbeite nicht mehr in einer coolen Werbeagentur, ich lebe nicht mehr in einer coolen Großstadt, ich trinke nicht mehr jeden Tag einen coolen Cappuccino (obwohl ich das gern beibehalten hätte), ich arbeite nicht mehr 9–12 Stunden am Tag. Mittlerweile bin ich selbstständige Grafikdesignerin und Social Media Beraterin, verdiene einen Bruchteil von dem, was ich vorher verdient habe und schaffe das, was ich schaffen kann und möchte.

Dabei ist mir natürlich auch Erfolg wichtig. Allerdings definiere ich diesen nun anders als früher. Erfolgreich zu sein bedeutet für mich nicht mehr, sehr viel Geld zu verdienen und ununterbrochen Leistung zu zeigen. Es bedeutet für mich, Dinge zu schaffen, mit denen ich zufrieden bin, mir dafür Zeit zu nehmen und davon gut leben zu können. An letzterem feile ich noch. ;-)

Meinen Job habe ich dadurch ganz neu kennengelernt und wieder Freude an ihm gefunden. Ob ich mich damit selbst verwirklicht habe? Ein wenig. Doch ich habe meinen Beruf schon immer eher als Mittel zum Zweck betrachtet und nicht als Lebensinhalt. Ich mag ihn sehr, habe Spaß daran und denke: das was ich mache, mache ich mittlerweile sehr gut. Aber ich versuche ihn nicht mehr krampfhaft als meine Erfüllung zu verkaufen und mache mich von dem schlechten Gewissen frei, nicht 24 Stunden am Tag leistungsbereit zu sein. Dass sich das mit dem guten alten „Selbst und ständig“ nicht verträgt, möchte ich ändern.

Denn Inhalt geben meinem Leben andere Dinge, abseits von Beruf, Geld und Karriere und ich glaube, so geht es sehr vielen Menschen. Ich muss mich nicht in meinem Job selbstverwirklichen, sondern er gibt mir die Freiheit und schafft Bedingungen, die es mir abseits davon ermöglichen.

Natürlich sind das Streben nach der beruflichen Erfüllung, Erfolg und hohe Leistungsbreitschaft nichts Schlechtes, aber es sollte kein gesellschaftliches Bewertungskriterium sein. Ich finde, es ist ein riesiger Druck, den uns wir da selbst auferlegt haben und auch ein Irrglaube, dass in dem System in dem wir leben und arbeiten, jeder seinen Traumjob ausübt oder zu 100% liebt, was er macht. So ist es einfach nicht und das ist auch völlig in Ordnung. Nur eines sollte der Job nie – uns unglücklich oder krank machen.

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2 Comments

  • Reply Claudia 2. März 2019 at 16:26

    Ich bin irgendwie „zufällig“ über Instagram bei deinem Artikel gelandet und kann nur sagen: sehr gut geschrieben. In den ersten Sätzen finde ich mich total wieder….leider. Ich bin Innenarchitektin und dachte auch immer, dass ich schneller, besser, kreativer und was weiß ich noch alles sein muss. Aber auch ich bin jetzt an einem Punkt wo ich sage „STOP! Es geht so nicht mehr!“. Spätestens wenn man spät abends allein im Büro in Tränen ausbricht, nachts nicht mehr schlafen kann und man auf alles und jeden nur noch gereizt reagiert sollte man die Reißleine ziehen.
    Ob sich das mit meinem aktuellen Arbeitgeber umsetzen läßt oder ob ich beruflich mal neu denken muß klärt sich hoffentlich zeitnah.
    Der Weg den du eingeschlagen hast und die positiven Effekte auf dein Leben lassen mich aber auch hoffen… alles wird gut :)
    Danke für den tollen Artikel!

    • Reply Nina 5. März 2019 at 10:25

      Liebe Claudia, vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ja, es ist wirklich gar nicht so einfach sich das einzugestehen, aber definitiv der einzige Weg, um wieder glücklich mit seinem Beruf zu werden. Ich würde mir wünschen, dass auch die Arbeitgeber da sensibler und flexibler werden. Ich wünsche dir auf jeden Fall alles Gute und hoffe, dass sich eine Lösung für dich ergibt.
      Liebe Grüße
      Nina

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